Leidiges Thema Zähne

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Steffi
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Leidiges Thema Zähne

Beitrag von Steffi »

Hab hier gerade einen Pflegefall, vielleicht hat ja jemand eine umsetzbare Idee.

Aue, Alter min. 7, kann auch älter sein, tragend (Ablammung ca. Anfang März), hat in kurzer Zeit rapide an Substanz abgebaut. Immer erste am Trog gewesen. Kein Fieber, kein Zähneknirschen, Verdauung (Kot und Urin unauffällig), kein Durchfall, letzte Kotprobe (Ende Nov.) negativ. Hat trotzdem nochmal WK (auf Verdacht bekommen), Bindehäute aber ok. Letztes Jahr einseitige Euterentzündung, Lamm aber gut allein großbekommen (hat nach der Entzündung auf beiden Seiten getrunken), Euter scheinbar ok.

TA-Aussage: Hm, keine Ahnung. Schmerzmittel, Vit. B-Komplex und Selen bekommen. Könnte vielleicht ein Tumor von der alten Euterentzündung sein ...

Hab sie jetzt zur besseren Beobachtung im Stall. Alle 2 Tage Schmerzmittel, 2 x Colosan und täglich 2x Propylenglykol (20ml) mit viel Wasser.
Zustand:
1. Tag (unter Schmerzmitteln) alles prima. Mümmelt Heu, käut wieder, ist gierig nach Pferdeleckerlis (die sie aber deutlich länger kaut, als sonst, es fallen auch Bröckchen aus dem Maul), eine Handvoll Hafer und ein paar aufgeweichte Rübenschnitzel werden gefuttert. Je länger sie kaut, desto besser wird es. Trinkt, steht und macht insgesamt einen zwar sehr mageren, aber munteren und interessierten Eindruck. Wenn man von der Figur absieht, wirkt sie wie ein völlig normales Schaf.
2. Tag (kein Schmerzmittel) alles Mist. Schaf liegt viel, kann aber aufstehen, verweigert jegliche Nahrung (trotzdem kaut sie manchmal im Liegen), Verdauung immer noch normal, kaum Pansenaktivität.
3. Tag (mit Schmerzmittel) - aufgewecktes, Heu mümmelndes, Leckerlis wollendes Schaf - s. Tag 1
4. Tag (ohne) - hinfälliges, hauptsächlich liegendes, Fressen verweigerndes Häufchen Elend und Gedanken an Dr. Kernen - s. Tag 2

Heute nochmal den TA gerufen, weil ich mir mittlerweile ziemlich sicher bin, daß es an den Zähnen liegt und das so ja kein Dauerzustand sein kann. Das Kauen scheint ihr weh zu tun. Trächtigkeit in Ordnung, Fruchtwasser klar (geschallt), kein Fieber, nicht gebläht, alles weich, keine Labmagendrehung, Bindehäute in Ordnung. Verdauung unauffällig, frißt nicht, verweigert Leckerlis, liegt viel. Pansengeräusche nahe Null.
Dem TA war es nicht möglich, die Zähne/das Maulinnere richtig zu untersuchen. Er meinte, rechts oben auf der Außenseite würde sie wohl etwas zusammenzucken, wenn er da drübergeht, sicher war er aber nicht. Um das gründlich zu untersuchen, müßte er sie in Narkose legen, was Schafe im Allgemeinen und sie im jetzigen Zustand im Besonderen, nicht gut wegstecken würden. Also Antibiose für 10 Tage verordnet, dazu Pansenstimulanz, nochmal Vit. B-Komplex und Selen und ein Schmerzmittel. Vom Schmerzmittel soll sie jetzt aber nichts mehr bekommen, da es den Magen zu sehr belastet.

Tja, wieder viel orakelt, aber großartig weiter bin ich nun auch nicht. Wenn das eine Entzündung im Maul-/Rachenraum ist, könnte die Antibiose helfen. Gegen Zahnspitzen/-haken oder einen Abzeß eher nicht. Aber was kann ich noch tun? Leider gibt´s ja keine Pferdemaulgatter in Schafgröße und meine Finger will ich auch nicht riskieren. Dieses Klappergestell kann trotzdem noch sehr wehrig sein. Wenn sie nicht jeden zweiten Tag einen völlig munteren Eindruck machen würde, hätte ich sie schon erlöst. Aber so fällt das echt schwer. Vielleicht habt ihr ja noch eine Idee?

LG
Steffi
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Henry
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Re: Leidiges Thema Zähne

Beitrag von Henry »

Beim Schafmaul vertraue ich inzwischen auf den Geruch. Ich kann schlechte Zähne riechen. Oder den Siff darin und darunter. Ich vermute, das Schmerzmittel ist Metacam (Meloxicam). Das ist ein „Entzündungsunterdrücker“. Entzündete Zahnnervenumgebungen schwellen an und machen Zahnschmerzen. Knirschen tut noch mehr weh. Ich kann keine Probleme auch bei längerer Metacamgabe bestätigen. Magengeschwüre sind eine Nebenwirkung beim Monogastrier aber kaum beim Pansentier.

Mobiles Röntgen mit lateralem Strahlengang digital ca. 70€.

Vollnarkose mit Xylazin/Ketamin und Exploration der Maulhöhle mit einer Extraktionszange und Sperrkeil oder Daumen. Kranke bzw. gebrochene Zähne wackeln und können/müssen gezogen werden. (Achtung! Es wird plötzlich beeindruckender Geruch frei darunter) Ausräumen mit gewinkelter Pinzette und Spülung des Loches mit Wasserstoffperoxid bis 3% per Katheterspritze. Kopflicht und Stablicht oder Lichtleiter nötig.

Wärmebild des Unterkieferkammes zeigt vermutlich Entzündungswärme.
Henry
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Steffi
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Re: Leidiges Thema Zähne

Beitrag von Steffi »

Ja, Wirkstoff Metacam, allerdings anderer Handelsname (Meloxidyl). Ich würde es ihr gern weitergeben, damit sie überhaupt zwischendurch mal was frißt, der Pansen wieder in Schwung kommt und sie nicht noch mehr abbaut. Wie gesagt, "Zähne" ist ein Verdacht aufgrund meiner Beobachtungen/Intuition. Der Substanzverlust muß ja eine Ursache haben. Kann auch sein, daß ich völlig falsch liege. Vielleicht sind es auch nicht die Zähne an sich, sondern ein Fremdkörper (Stachel/Dorn, etc.) im Zahnfleisch/Mundbereich, der sich entzündet hat. Wie gesagt, TA traut sich an die Narkose nicht ran, aber wie guck ich im Wachzustand da rein ohne meine Finger zu riskieren? Ich ruf morgen früh mal in Gießen an, per mail sind die leider zur Zeit nicht erreichbar. Gehen morgen mal ein bißchen auf dem Hof spazieren, regt vielleicht auch den Kreislauf und den Appetit an.

LG
Steffi

PS: Es gibt Maulgatter für Hunde, die passen wahrscheinlich nicht, oder?
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Henry
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Re: Leidiges Thema Zähne

Beitrag von Henry »

Du brauchst kein Maulgatter.

Wenn das Schaf sitzt und Du den Daumen der linken Hand hinter die Schneidezähne durch das Maul legst, kann das Schaf im Backenzahnbereich nicht zubeißen und Du hast die rechte Hand frei zum handtieren. Du darfst bloß diesen Daumen keinstenfalls wegnehmen, auch wenn sie drauf kauen oder ihn mit der Zunge wegfrücken will. Sonst büßt Du andere Finger ein. (Selbst Schafe in tiefer Narkose können den untersuchenden Finger mit der Zunge zwischen die Zähne schieben und dort wiederkäuertypisch zu fleischigem Knochengries zemalmen, der ewig blutet, als Quetschwunde bescheiden heilt, Dir aber zeigt, daß Du Große Gefühle zu empfinden fähig bist - mehr oder weniger dauerhaft)
Henry
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Re: Leidiges Thema Zähne

Beitrag von Steffi »

Hm, ich brauche meine Finger noch - alle. Es gibt doch so superstabile, aber dünne (fingerdicke etwa) Gummikaustangen für Hunde. Evtl. könnte man daraus und einem Schafhalfter was basteln. Allerdings merkt man bei denen vermutlich nicht rechtzeitig, wenn´s verrutscht, um die untersuchende Hand noch aus den Fängen des blutrünstigen Wiederkäuers zu entfernen ...
Aber so hat´s der TA heute versucht, ich hab mit der Taschenlampe geleuchtet. Leider gescheitert, weil selbst das schwache Schaf noch recht wehrig und/oder die Zunge im Weg war. Vielleicht war er auch einfach feige :engel1: Der kennt Dich übrigens und war schon mal bei Dir. War jedenfalls begeistert, mal wieder Kängurus zu sehen :) Kann Dir allerdings seinen Namen erst sagen, wenn der Abgabebeleg hier eintrudelt. Die haben da so viele TÄ in der Praxis und ständig kommt jemand anderer, die kann ich mir in meinem Alter nicht mehr alle merken.

LG
Steffi
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peter e.
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Re: Leidiges Thema Zähne

Beitrag von peter e. »

ich erlaube mir die Angabe von Henry nochmal zu erläutern, weil ich selbst etwas überlegen musste, was er meinte.
im Unterkiefer bzw. bei der unteren Zahnreihe gbt es einen "Durchgang", eine Lücke. Mit dem Daumen der linken Hand (wenn das Schaf sitzt) kannst du in das Gebiss schadlos reingreifen und mit den anderen Fingern den Unterkiefer umschließen, um die Hand zu fixieren. Der Daumen darf nicht zwischen den Zahnreihen von Unter- und Oberkiefer kommen. Mit diesem Griff wird wird das Kauen bzw. die Bewegung des Unterkiefers eingedämmt. Dann lässt sich ein Holzkeil (Dachlatte) so einführen, dass nicht mehr zugebissen werden kann. Mit der rechten Hand kann dann eine Kontrolle der Zähne vorgenommen werden. Eine zweite Person zur Fixierung des Schafes ist hilfreich.
Vorab kannst du auch kontrollieren, ob Unter- und Oberkiefer genau übereinander liegen. Bei einem meiner Schafe war die Aufhängung des Unterkiefers im Schädel weg gefressen! Es zeigte sich eine Eiterbeule unterhalb des Auges, nach Punktion Verarbeitung zum Nachrungsmittel (zum Glück war routinemäßiger Schlachttermin für andere in der Zeitnähe).
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Re: Leidiges Thema Zähne

Beitrag von Steffi »

Peter, Du bist nicht zufällig grad irgendwo in der Nähe?

LG
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peter e.
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Re: Leidiges Thema Zähne

Beitrag von peter e. »

ich hatte auch schon überlegt, dich heim zu suchen. Fahre am Freitag in den Odenwald, könnte auf Hin- oder Rückfahrt am Sa bei dir vorbeikommen. Fahre am So dann eine Wo Ri Christoph + Fröschen
peter e.

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Re: Leidiges Thema Zähne

Beitrag von Steffi »

Kurzer Statusbericht: Habe das Schaf und ein Begleitschaf gestern in die Uni-Klinik gebracht.
Lupinchen ist noch schwach, frißt aber ein wenig, wenn niemand zuschaut. Gestern Pansenstillstand, hat dann Pansensaft übertragen bekommen, heute Kontraktionen hörbar. Kaubewegungen normal. Würmer, auch Lungenwürmer negativ, Mineralstoffe und Blutwerte im grünen Bereich, Lunge rasselt etwas scharf, evtl. Lungenentzündung (Frage ist, ob das Ursache oder Folge ist?). Trächtigkeit intakt. Bekommt jetzt ein anderes Antibiotikum und noch eine bakteriologische Abklärung. Insgesamt haben sie also auch noch keine Ursache für ihren Zustand gefunden :traurig:
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Henry
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Re: Leidiges Thema Zähne

Beitrag von Henry »

Steffi hat geschrieben:
Mi 15. Jan 2020, 18:36
Um das gründlich zu untersuchen, müßte er sie in Narkose legen, was Schafe im Allgemeinen und sie im jetzigen Zustand im Besonderen, nicht gut wegstecken würden.
Das ist so nicht zu bestätigen. Schafe stecken Narkosen mit Xylazin/Ketamin und Gasnarkosen (sowieso) sehr gut weg. Für eine Zahnuntersuchung ist eine intravenöse X/K-Narkose mit ihrem steilen Wirkeintritt und zügigem Abfluten bei geringer Dosis sehr gut geeignet. TÄ sollten das wissen. :eek:
Henry
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